Kommentar: Zu groß, zu schlecht gerechnet


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Das dürfte außer in Selters nur in wenigen Kommunalparlamenten möglich sein: Da wird ein Bauprojekt mal eben – als Zwischenstand und nicht etwa bei der Endabrechnung – um 390.000 Euro teurer als geplant. Fast noch schlimmer: Das Parlament darf erst über die Finanzierung entscheiden, wenn ein Großteil des nicht vorhandenen Geldes bereits verbaut ist. Zusätzlich spannend wird die Geschichte dadurch, dass der Vorsitzende der Gemeindevertretung zugleich Inhaber des Architekturbüros ist, das den weit fehlgehenden Kostenvoranschlag verantwortet.

Andernorts wären die Fetzen geflogen und vermutlich zu Recht die Kommunalaufsicht eingeschaltet worden. Nicht so in Selters. Dass die CDU „ihr“ Projekt auch dann nicht verdammen kann, wenn es erheblich aus dem Ruder läuft, mag man noch verstehen. Dass aber der SPD-Fraktionschef die Kostenexplosion „irgendwie schon“ verurteilt, dann „aber wirklich zum letzten Mal“ zustimmt, grenzt schon an politisches Kabarett. Wirklich ins Zeug gelegt haben sich allerdings auch die Gegner aus den Reihen der Wählergemeinschaften mit ihrer Ablehnung nicht.

Für die Kostenexplosion gibt es zwei mögliche Erklärungen: Entweder hat der Planer seine Arbeit schlecht gemacht, insbesondere mit der vollkommenen Überschätzung des Bauhof-Anteils. Dann wäre die Gemeinde im Interesse ihrer Steuerzahler zu rechtlichen Schritten verpflichtet. Oder aber die Kosten sollten aus politischen Gründen kleingerechnet werden. In diesem Fall könnte man durchaus argwöhnen, dass der einstige Bürgermeister Dr. Norbert Zabel (CDU) noch schnell vor dem Ende seiner Dienstzeit sein erklärtes Traumprojekt mit hilfe niedrig angesetzter Kosten durchsetzen wollte.

Egal ob der eine, der andere oder beide Gründe zutreffen: Inzwischen stellt sich die Brunnensanierung immer mehr als Prestigeprojekt heraus, das für eine Gemeinde wie Selters eine Nummer zu groß ist. Fraglos sind Erhalt und Sanierung des Brunnens für Niederselters wichtig. Die einstige Mineralwasserförderung bildet einen wichtigen Teil der örtlichen Identität. Nur hätte man dieses Vorhaben bescheidener angehen müssen. Beispielsweise erst einmal mit dem Brunnengebäude selbst und einem Aufschub der Außen- und Nebenanlagen, bis die Gemeinde diesen finanziellen Kraftakt verdaut hat. Doch dazu ist es jetzt zu spät. Man darf gespannt sein auf die Endabrechnung, die irgendwann, hoffentlich mit korrekten Zahlen, folgen wird.

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Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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Eine Antwort zu Kommentar: Zu groß, zu schlecht gerechnet

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