Wir böse Meute


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Das Zeit-Magazin hat sich in seiner jüngsten Ausgabe angeblich selbstkritisch mit unserem gemeinsamen Berufsstand beschäftigt. Einige der Beiträge halte ich für ganz gelungen, einige für durchaus diskussionswürdig und einige für überflüssig, wenn auch mein Urteil insgesamt nicht so verheerend ausfällt wie das von RZ-Kollege Meyer. Insgesamt muss man dem Magazin aber dankbar dafür sein, dass wir ihn dieser Woche vor den wiederkehrenden Versuchen verschont bleiben, uns ein ganzes Heft lang irgendwelchen Luxusramsch anzudrehen.

Etwas irritierend fand ich zunächst den Einstieg mit Heike Fallers Stück über das journalistische Unvermögen einer Vorhersage der jüngsten Weltfinanzkrise. Wirtschaftsberichterstattung interessiert mich nicht gerade brennend und Börsenthemen noch viel weniger. Aber Frau Faller hat einige der Gründe für das Versagen der Wirtschaftskollegen gut angerissen. Allerdings hätte man für meinen Geschmack noch viel stärker den Finger in die Wunde legen können. Der Kern des Problems ist doch ganz offensichtlich, dass viele Wirtschaftsjournalisten sich überhaupt nicht mehr um den kritischen Blickwinkel geschert haben, der ihnen (und natürlich auch allen anderen Kollegen) geziemen würde. Vielmehr haben sie sich von dem Berufsoptimusmus der professionellen Anleger mitreißen lassen. Dabei haben sie übersehen oder wollten es nicht sehen, dass Bänker, Fondsmanager und auch Analysten keineswegs neutral sind, sondern Leute, die ihre Anlageprodukte verkaufen und sie deshalb natürlich loben müssen oder die zumindest ein Interesse an einem sich ständig ausweitenden Markt haben. Insgesamt aber sicher einer des besseren Beiträge des Hefts.

Am deutlichsten habe ich mich in Jörg Burgers Text über die Familie T. wiedergefunden. Auch mir kommen immer wieder diese Zweifel: Wie unfreundlich muss ich in der Darstellung eines Gesprächspartners sein, um meinen Lesern pflichtgemäß ein möglichst objektives, ungeschöntes Bild einer Person zu liefern? Wie unfreundlich darf ich jemandem gegenüber sein, der sich mir geöffnet und mit mir gesprochen hat, obwohl er es ja nicht musste? Was wird das Objekt meiner Betrachtung sagen, wenn es den Artikel über sich beim Frühstück ließt? Allerdings schließe ich da die Standard-Kameraden aus Politik und Verbänden aus. Die stehen ja mehr oder minder professionell in der Öffentlichkeit und müssen es vertragen, wenn man sie härter anpackt. Als Trostpflaster sind sie ja auch mit politischer und gesellschaftlicher Macht ausgestattet.

Auch das Phänomen, das Adam Soboczynski beschreibt ist mir nicht ganz unbekannt: Eine schöne Geschichte lieber nicht durch einen klärenden Anruf „kaputtrecherchieren“; erstens der schönen Geschichte wegen und zweitens, weil man sich spätestens bei der zweiten Nachfrage am Telefon selbst ziemlich dämlich vorkommt. Schließlich hätte man ja auch während des Gesprächs so schlagfertig, geistesgegenwärtig und intelligent gewesen sein können, alle Fragen zu klären. Ich bin aber sehr zuversichtlich, dass Gaston Salvatore diese kleine Volte am Ende eines Zeit-Artikels unbeschadet überstenden hat. Schließlich wird auch ein eventuell leicht falscher Zungenschlag den Buchverkauf befördern.

Wolfgang Büschers Auseinandersetzung mit dem literarischen Schreiben lässt mich dagegen ziemlich kalt. Ich schreibe keine Literatur und will es auch überhaupt nicht. Ich verbreite Nachrichten. Auch auf Henning Sußebachs Nachdenken über den Größenwahn, den eine Sozialreportage bei ihrer Hauptfigur auslösen kann, steht meinen persönlichen Lebens- und Berufserfahrungen recht fern. Vermutlich liegt das daran, dass eine Veröffentlichung in NNP, WT oder „Sonntag“ nur wenige Menschen gleich zur Selbstüberschätzung aufstachelt.

Ach ja, der Leserbrief-Beitrag. Da hält Anna von Münchhausen sich sehr dezent zurück. Einigen dieser Leserbrief-Schmierern hätte ich es gewaltig gegeben. Wer von irgendwelchen Volksmeinungen faselt, nach denen sich Journalisten zu richten hätten, der kann nicht erwarten, dass man ihn ernst nimmt. Debatte mit den Lesern jederzeit gerne, aber kein Journalismus nach Stimmungslage. Den Text von Jens Jessen habe ich wie alle seine Beiträge ignoriert. Marc Brost greift in seinem Beitrag viele verschiedene Aspekte auf. Zu Nähe und Distanz steht ja bereits eine Menge im Burger-Artikel. Was den Wechsel von Standpunkten in Meinungsartikeln betrifft, rät Brost zu mehr Transparenz darüber, warum sich die geschriebene Meinung vielleicht geändert hat. Ich würde eher ein anderes Vorgehen empfehlen: Sich mit Meinungsäußerungen einfach mal zurückhalten, sie nur wohldosiert und gut abgewogen im Kommentar bringen und sich ansonsten auf die reine Nachricht beschränken.

(Zu) Viel Raum bietet das Zeit-Magazin einem Text über das Boulevard von Matthias Kalle und Tanja Stelzer. Charlotte Roche und Christian Wulff sind Menschen, die ich nicht besonders interessieren. Für Bildzeitung und Fernsehen gilt das ebenfalls. Deshalb verweise ich hier lieber auf Stefan Niggemeier, der sich vor allem mit diesem Teil des Zeit-Magazins auseinandergesetzt hat. Seine Kritik trifft sie Schwachstellen ganz gut, allerdings muss man zur Ehrenrettung der Zeit-Kollegen schon sagen, dass sie am Ende ihres Artikels durchaus auf aktuelle Veränderungen im Verhältnis zwischen den Frontfiguren des Unterhaltungsgewerbe und den Boulevardmedien eingehen.

Schließlich greift Philipp Wurm noch die Konkurrenz von Regioblogs zu Lokalzeitungen auf. Ich lese en Beitrag als Einzelbeispiel, das sich andernorts vielleicht ebenfalls so abspielen kann, aber genausogut auch vollkommen anders. An sich ist die Geschichte ja nicht besonders neu. Regioblogs, die gegen verfilzte lokal(journalistisch)e Machtstrukturen vorgehen, gibt es bereits länger. Außerdem weiß ich nicht, ob die lokalen Monopolzeitungen wirklich in der Fläche moralisch und fachlich so verrottet sind, wie Wurm es für Bruchsal nahelegt.
Ich persönlich habe an meinen verschiedenen Stationen jedenfalls noch nicht erlebt, dass ein Musikkritiker geflogen ist, weil er das Lieblingsorchester des Bürgermeisters verrissen hat. Ich habe auch nicht erlebt, dass ein Kandidat bei einer Wahl grob bevorzugt wird. Auf der anderen Seite könnte ich sehr wohl davon berichten, wie ein CDU-Bürgermeister mit tatkräftiger Hilfe der Landesebene seiner Partei, des Gewerbevereins und eines großen (und inzwischen durch windige Geschäftsideen zugrunde gerichteten) Sportvereins zwei Redakteure so sehr unter Druck gesetzt haben, dass sie von sich aus kündigten. Das soll nicht heißen, dass so etwas in SPD- und demnächst vielleicht auch in grün dominierten Gegenden nicht geschehen könnte. Ich habe auch erlebt, dass Redakteure „zufällig“ Wahlkampfveranstaltungen von ihnen genehmen Parteien attraktiver abbilden als die der Konkurrenz. Und natürlich werden mancherorts gute Anzeigenkunden auch in den Redaktionen anders behandelt als normale Menschen. Aber solche Einflussnahme spielt sich gemeinhin viel subtiler und damit nicht so unausweichlich ab, wie in diesem Text für Bruchsal dargestellt.
Es gibt auch Gegenbeispiele: Journalisten, die sich trotz Arbeitsdrucks und Drohungen aus dem eigenen Verlag Freiräume für eine kritische Berichterstattung erarbeiten und sichern, Anzeigenabteilungen, die die Autonomie der Redaktion sehr professionell akzeptieren, Verleger, die kritischen Journalismus unterstützen – auch im Lokalen.

Insgesamt bleibt die angebliche Selbstkritik im Zeit-Magazin viel zu zahm. Deshalb möchte ich noch einmal auf den Schluss des bereits verlinkten Niggemeier-Blogeintrags verweisen. Tatsächlich müsste die nicht nur tendenziöse, sondern für solch eine Petitesse auch noch unerträglich ausgewalzte Berichterstattung zum Kachelmann-Prozess thematisiert werden. Ebenso hätte die Zeit gefälligst schreiben sollen, was nun gemeint ist, wenn sie schon über die sexuelle Ausrichtung eines zum Glück nicht mehr aktuellen Freiherrn rumraunt. Letzteres halte ich übrigens anders als viele Zeit-Leserkommentatoren tatsächlich für ein Thema. Nicht, weil die sexuelle Ausrichtung „normaler“ Politiker irgendwen was anginge, sondern weil das Barönchen auch bei seiner Familie, wie auf anderen Feldern, Politik und Privates zu einem ranzigen Brei vermengt hat.

Kleiner Nachtrag: Leser M. H. hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass auch die Branchen-Webseite Meedia das Zeit-Magazin einer kritischen Würdigung unterzogen hat. Bestand Dank für den Tipp!

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Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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Eine Antwort zu Wir böse Meute

  1. M. H. schreibt:

    Danke für Deine Kommentare. Ist Dir http://m.meedia.de/op/meedia/de/ct/-7c8c84515b41914a3348215afe1b2e17/2/ schon bekannt? Gruß, Manuel

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