Hadamar: Warum machen die Wähler das?


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Zwei große Trends prägen die gestrige Kommunalwahl in Hadamar: der Absturz von WFH und FWG sowie der deutliche Aufwind für die SPD. Zumindest sieht es nach dem derzeitigen Trend-Ergebnis (CDU: 39,7%, SPD: 25,4, FWG: 17,7, WFH: 13,9, FDP: 1,9), das sich heute und morgen noch deutlich verschieben kann, so aus. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären, die zugegebenermaßen auch dem widerspricht, was ich erwartet habe?

Zunächst zu FWG (-5,9%) und WFH (-8,2%). Dort sehe ich drei wichtige Faktoren.
Erstens wäre es blauäugig, anzunehmen, dass das heftig umkämpfte Thema der Marktansiedlung an der Faulbacher Straße keine Rolle gespielt hat. Offenbar nimmt eine Mehrheit den beiden Fraktionen doch übel, dass sie sich für das Markt-Projekt eingesetzt haben.
Zweitens habe ich den Eindruck, dass zumindest die WFH ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden ist. Die Gruppe war angetreten, um Vieles in der Hadamarer Politik „ganz anders“ zu machen und hat damit bei den vergangenen beiden Wahlen der vergangenen Wahl einen rasanten Aufstieg hingelegt. Nur ist ihr diese grundlegende Reform nicht gelungen. Fairerweise muss man zuerkennen, dass eine bislang drittstärkste Fraktion unter den Bedingungen sehr eingeschränkter kommunaler Handlungsmöglichkeiten die städtische Welt nicht aus den Angeln heben kann. Dennoch scheinen viele Wähler das nicht eingelöste Reformversprechen übel genommen zu haben. Insofern passt die Entwicklung bei der WFH (und abgemildert auch bei der FWG) in die Mischung aus phänomenalem Erfolg und Sinkflug, das die diversen Wählergemeinschaften und -gruppe im Landkreis abgeben (dazu später oder morgen noch ein eigenständiger Artikel).
Drittens, und das betrifft nur die WFH, sind erhebliche Auflösungserscheinungen nicht zu übersehen. In der WFH gab es erhebliche Auseinandersetzungen, die sich vor allem an der Bürgermeisterkandidatur von Fraktionschef Andreas Alfa festmachten. Nach allem, was ich aus der WFH und ihrem Umfeld gehört habe, sahen viele Mitglieder und Unterstützer darin eine Abkehr vom eigenen Anspruch, eine Bürgerinitiative zu sein. Dieser Richtungsstreit hat die Gruppe geschwächt und war wohl auch ein Grund für den nur verhalten geführten Wahlkampf.

Nun zur SPD: Zwar gönne ich den Sozialdemokraten ihren Zugewinn von 8,1 Prozentpunkten und damit den Aufstieg von der kleinsten zur zweitstärksten Fraktion, aber ich mache mir trotzdem Sorgen. Der Grund ist, dass die SPD in den zurückliegenden Jahren nicht gerade mit vielen Ideen, Lösungsvorschlägen und brillanten Debattenbeiträgen im Parlament geglänzt hat. Im Prinzip muss das noch nicht einmal unbedingt schlecht sein; gerade in der Hadamarer Politik, wo es manchem gut täte, etwas weniger staatstragende oder -stürzende Reden zu schwingen und nicht gar zu ambitionierte Projekte zu verfolgen.
Doch woran liegt der Erfolg der SPD in Hadamar? Zunächst sollte man den „Genossen Trend“ nicht unterschätzen. Sicher profitiert auch der Stadtverband von der allgemeinen Aufwärtsentwicklugn der SPD. Womöglich sind auch einige potenzielle Wähler der Grünen, die in Hadamar nicht angetreten sind, zur SPD geströmt. Schließlich teilen beide Parteien ja eine linksliberale Ausrichtung, mit einigen abweichenden Nuancen. Etwas weniger schmeichelhaft, auch für mich als Berichterstatter, ist die Erklärung, dass den Wählern weitgehend egal ist, wie sich die Parteien in der Kommune oder zumindest im Parlament verhalten. Meinem Politikverständnis widerspricht es jedenfalls gewaltig, dass Passivität belohnt wird. Und die muss ich der Hadamarer SPD leider für die vergangenen Jahre weitgehend attestieren.
Zum Schluss will ich mich doch noch bemühen, meine Sorgen über das SPD-Ergebnis ins Positive zu wenden. Vielleicht wollen die Wähler damit signalisieren, dass sie stille, pragmatische und lösungsorientierte Arbeit honorieren. Still war die Hadamarer SPD bislang, wenn sie sich einmal geäußert hat, konnte man durchaus einen pragmatischen Grundton erkennen. Dass sie auch eigenständig Lösungsvorschläge erarbeiten können, müssen die Sozialdemokraten in den kommenden Jahren beweisen. Ich bin gespannt. Wegducken gilt als zweitstärkste Fraktion jedenfalls nicht mehr.

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Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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4 Antworten zu Hadamar: Warum machen die Wähler das?

  1. Bernd schreibt:

    Hallo Volker,

    hast Du uns die Linke unterschlagen oder haben die tatsächlich keine Stimmen geholt?
    Abgesehen davon, erstmal ein großes Lob an Deine Seite…

    Bernd

  2. vtaktuell schreibt:

    Die Linken haben nach dem derzeitigen Trend 1,2 Prozent geholt und sind damit voraussichtlich nicht in der Stavo vertreten.

    Und vielen Dank für die „Blumen“!

  3. Hans schreibt:

    Hallo Herr Thies

    Ihr Wahlanalyse trifft in vielen Punkten zu. Zum Thema Marktansiedlung :
    In ihrem Kommentar sprechen Sie von den „BEIDEN“ Fraktionen denen man offensichtlich die Markatansiedlung übel genommen hat. Eben hier und nicht nur hier liegt das Problem, das man der SPD, die ja ebenfalls EINSTIMMIG mit für das Marktzentrum votiert hat , dies ihr aber offensichtlich verzeiht oder es überhupt nicht wahrgenommen hat. Bei all den ünsäglichen Leserbriefen und Kommentaren vor der Kommunalwahl durch Herrn Krämer , dem unbelehrbaren Georg Fritz u s w. ist NIEMALS die SPD in die Kritik mit einbezogen worden, immer nur die WFH und dann abgeschwächt die FWG haben die Prügel bezogen .
    Auch hier wurde offensichtlich die „Passivität“ der SPD belohnt, denn man hat sich in keinster Weise auch nur in irgend einer Stellungnahme zum Marktzentrum seitens der SPD geäußert.
    Zum Schluss noch eine Richtigstellung:
    Wir haben vor der jetzigenWahl erst EINMAL an einer Kommunalwahl teilgenommen und nicht an Zwei (beiden)

    Hans Reichwein

  4. vtaktuell schreibt:

    Hallo Herr Reichwein,

    vielen Dank für die Beteiligung an der Diskussion! Was die falsche Anzahl der bisherigen WFH-Teilnahmen an Wahlen betrifft, bitte ich um Verzeihung. Ich habe den Fehler inzwischen korrigiert.

    Was Ihre Anmerkungen zur SPD betrifft, sehe ich das durchaus auch so. Das ist ein weiteres Indiz für den „Lohn der Passivität“.

    Auch mir scheint die Debatte über das Marktzentrum vor der Wahl zu heftig betrieben worden zu sein. So manche Pressemitteilung und vor allem ein bestimmtes Plakat hätten wirklich nicht sein müssen.

    vt

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