Ein gut(t)er Tag


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Karl Theodor Wenzeslaus Hyacinth Maria Boromir etc. etc. zu Guttenberg ist also zurückgetreten. Ich finde, das ist ein guter Tag für dieses Land.

Allerdings muss ich der allgemeinen Bewertung doch widersprechen: Die Tricksereien bei der Doktorarbeit halte ich an sich für wenig schwerwiegend. Doch Guttenberg ist selbst daran schuld, dass er wegen dieser Petitesse zurücktreten muss. Für mich hat die ganze Angelegenheit vor allem zwei Dimensionen:

Zunächst einmal ist es grundsätzlich unerträglich, dass ein Adliger in diesem Land eine politische Führungsposition ergreift. Also jemand, der seine persönlichen Aufstiegschancen zum guten Teil daraus bezieht, dass seine Vorfahren über Jahrhunderte hinweg andere Menschen unterdrückt, umgebracht und der Früchte ihrer Arbeit beraubt haben. Natürlich kann ein nach 1919 geborener Adliger dafür persönlich nichts. Allerdings kann man von solchen Menschen als Mindestmaß des persönlichen Anstands erwarten, dass sie ihren Adelstitel ablegen, sobald sie in einer Demokratie politisch aktiv werden. Jutta (von) Ditfurth hat es beispielsweise so gemacht.

Was den erschlichenen Doktortitel betrifft, könnte ich das bei einem normalen Politiker noch akzeptieren; bei einem Politiker, der hinter seinem Amt, seiner Arbeit, seiner Weltanschauung zurücktritt. Wer sich allerdings so sehr als Diva präsentiert wie dieser nun gewesene Wirtschafts- und Verteidigungsminister, der muss damit rechnen, dass persönliche Verfehlungen auch dann seine Karriere beenden, wenn sie nichts mit dem Amt selbst zu tun haben. Natürlich lechzt gerade die Journaille der Boulevard- und Illustriertenformate nach Bildern, wie der Freiherr sie auf dem Times Square und im Feldlager produziert hat, aber kein Politiker ist gezwungen, diese journalistischen Irrläufer zu bedienen. Ein Gegenbeispiel ist Frau Merkel, die ich nun sicher nicht in den Himmel heben will, die ihr privates Leben aber sehr gründlich abschirmt und sicher keine Personality-Politik betreibt.

Offenbar hat Guttenberg diesen Zusammenhang selbst auch verstanden. Schließlich hat er eingeräumt, dass er „zur enormen Wucht der medialen Betrachtung […] selbst viel beigetragen“ hat. Das war sein zentraler Fehler. Wäre er etwas bescheidener im Auftreten gewesen, dann hätte er heute nicht zurücktreten müssen.

Bleibt zu hoffen, dass die anderen Selbstdarsteller im Politikgeschäft eine Lehre daraus ziehen.

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Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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4 Antworten zu Ein gut(t)er Tag

  1. Langer, Herbert schreibt:

    Hmmmmm…
    Sehe ich nicht ganz so!
    Meiner Meinung nach ist die Dr.-Geschichte ziemlich dumm gelaufen.
    Wer in der Dr.-Arbeit bescheißt hat prinzipiell meine Sympathie; wer von uns hat noch nicht irgendwo beschissen (Ich würde es heute noch tun, wo immer sich mir die Gelegenheit dazu bietet).
    Das die ganze Sache voll nach hinten losgegangen ist, ist tatsächlich ein Verdienst der extremen Öffentlichkeitspräsenz.
    Ich persönlich finde es schade, dass er weg ist. Parteizugehörigkeit hin oder her, er war m.E. ein Sympathieträger, der die übrigen deutschen Politiker sehr in den Schatten gestellt hat. Sowas brauchten wir mal wieder.
    Wer repräsentiert uns denn jetzt mal wieder anständig?
    Katastrophe!
    Hier der direkte Vergleich zu unserem Außenminister, den ich persönlich für untragbar halte (auch völlig losgelöst von der Parteizugehörigkeit betrachtet).
    Naja, hoffentlich gibt´s bald mal wieder was Gutes in der Politik; ob mit oder ohne „von und zu“ oder „Dr.“, „Prof.“ oder was weiß der Henker!
    So, jetzt nachdem der Minister geschlachtet ist, sollten wir uns wieder unserem Bischof zuwenden. 😉

  2. vtaktuell schreibt:

    Wie gesagt: Die Dr.-Geschichte sehe ich ähnlich wie du als grundsätzlich nicht so schwerwiegend an, allerdings bei diesem speziellen Politiker schon.

    Ich könnte auch gut mit einem erneuten Auftauchen des bayerischen Barons in der Politik leben, das derzeit ja allenthalben diskutiert wird. Nur dann bitte mit etwas weniger Starallüren und idealerweise ohne das „von“.

  3. Bernd schreibt:

    Also ich empfinde die „Dr. Geschichte“ keineswegs als Petitesse! Wir haben es hier nicht mit einem Schulbub zu tun, der in der Mathearbeit vom Nachbarn abgespickt hat, sondern von einem Juristen, der wissentlich seine Doktorarbeit zusammengeschustert hat, u.a. wohl mit Hilfe des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, den er damit für private Zwecke missbraucht wurde! Es sind schon Politiker für geringere Verfehlungen wesentlich schneller abgetreten…und die Bildzeitung hat sicher keine Durchhalteparolen für diese Politiker veröffentlich…gleiches Recht für alle, auch für Volkstribune und Adelige!

  4. Pingback: Wir böse Meute | vtaktuell

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