Sind Regioblogs finanzierbar?


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Regioblogs ploppen vielerorts aus dem Boden, die Vordenker der Branche tönen vom hyperlokalen Journalismus oder rufen gleich das komplette Abwandern der lokalen Berichterstattung ins Netz aus. Nehmen wir trotz aller Zweifel, die ich hege, einmal an, es käme wirklich so. Dann stellt sich aber immer noch die Frage, ob man vom gebloggten Lokaljournalismus leben kann, einmal ganz unabhängig davon, ob „man“ nun der angestellte oder freie Mitarbeiter eines Verlags ist oder der einzelkämpfende Regioblogger.

1. Illusion Micropayment

Kollegin Ulrike Langer hat in ihrem Blog ein äußerst interessantes Interview veröffentlicht, in dem sie auch diese Frage gestellt bekommt, aber meiner Meinung nach keine richtige Antwort darauf gibt. „Mutiger mit Mikropaymentsystemen wie Flattr und Kachingle experimentieren“ sollten die Blog-Einzelkämpfer, regt Langer an, und sie nennt Positivbeispiele wie Stefan Niggemeier oder Jens Weinreich. Das ist nun aber etwas dünn. Niggemeier hatte beispielsweise im Oktober rund 550 Flattr-Klicks. Wenn man den üblicherweise angenommenen Durchschnittswert von 30 Cent pro Klick anlegt, dann kommen gerade mal knapp 200 Euro raus. Zugegebenermaßen bloggt Niggemeier nicht allzu häufig und auch nicht mit einem umfassenden Berichterstattungsanspruch, den ich für ein gutes Regioblog voraussetzen würde. Dafür hat er es allerdings mit einer deutschlandweiten und überdurchschnittlich Blog-affinen Zielgruppe zu tun. Um noch ein paar Flattr-Zahlen nachzuschießen: netzpolitik.org hat im August rund 740 Euro „erflattrt“, die Taz hat im Oktober etwas weniger als 1500 Euro auf diesem Weg erlöst. Allerdings stehen dahinter auch jeweils mehrere Leute und bei der Taz ein kompletter Verlag.

Zusammengefasst: Flattr und ähnliche Dienste wie Kachingle und das angekündigte Micropayment von Paypal sind weit davon entfernt, journalistische Arbeit im Netz auf halbwegs lebenserhaltende Art finanzieren zu können. Für Lokal- und Regionalblogs fällt diese Entfernung noch zehnmal weiter aus, denn unter deren Nutzer dürfte nur ein Bruchteil Micropayment überhaupt nutzen.

2. Nicht aus eigener Kraft

Doch wie kann die Finanzierung solcher Projekte denn dann funktionieren? Aus eigener Kraft überhaupt nicht, denke ich. Es würde mich schon sehr wundern, wenn in den kommenden Jahren regionale Blogprojekte in irgendeiner Form ihre Macher ernähren könnten. Das liegt weniger an fehlenden technischen Lösungen, sondern schlicht an der nahezu nicht vorhandenen Bereitschaft der Nutzer, für Nachrichteninhalte im Netz zu zahlen. In dieser Hinsicht kann ich Springer-Chef Döpfner durchaus zustimmen, wenn er gegen die Umsonst-Kultur im Internet wettert. Natürlich ist auch was dran an der Kritik gegen seine Verteidigung überkommener Geschäftsmodelle und für die „großen“ Akteure im Web ist sicher auch die reine Werbefinanzierung ein gangbarer Weg. Aber aus dem lokalen Blickwinkel bin ich grundsätzlich mit Döpfner einer Meinung.

3. Mischfinanzierung auf zwei Ebenen

Wenn also die Finanzierung lokaler Blogangebote aus sich selbst nicht machbar ist, dann müssten die Macher sie folgerichtig sofort einstellen, oder? Die Schlussfolgerung ist richtig. Zumindest falls die Macher von ihrer Bloggerei leben wollten. In der Realität sieht es aber so aus, dass Regioblogs auf einer Mischfinanzierung beruhen, und das auf zwei Ebenen.

Da wäre zunächst die bloginterne Finanzierung. Ganz gut macht das beispielsweise das allseits gelobte Heddesheimblog. Dort finden sich neben Google-Ads und seit einigen Tagen auch Flattr-Buttons vor allem eine sehr respektable Anzahl von selbst eingeworbenen Anzeigen aus der Region. Denkbar wäre auch die Unterstützung über freiwillige Spenden von Menschen, die einen unabhängigen Blogjournalismus in der Region fördern wollen, wobei ich nicht weiß, ob das irgendwo umgesetzt wurde. Eine weitere Möglichkeit könnten Premium-Nutzer sein, die einen monatlichen Beitrag zahlen und dafür beispielsweise Dossiers aus bisherigen Inhalten oder andere besondere Leistungen erhalten. Allerdings wird auch diese Mischfinanzierung nicht annähernd dazu führen, dass ein lokaler Blogger von dieser Betätigung leben kann.

Das führt zur zweiten Ebene der Mischfinanzierung, der bei den Betreibern selbst. Auf absehbare Zeit wird niemand vom Bloggen leben können. Vielmehr können die meisten Blogs nur durch die „Quersubvention“ aus dem übrigen Einkommen ihrer Macher leben, die, wie im meinem Fall als Freiberufler, etwas von ihrer Arbeitszeit in ihr Projekt investieren wollen, die am Feierabend bloggen oder die als Rentner über ein geregeltes Einkommen und Zeit verfügen. Das ist in den meisten Fällen die Realität, aber auch ein Problem, bei regionalen Blogs mehr noch als bei reinen Meinungs-Blogs. Denn das regionale Bloggen lebt davon, dass die Macher bei den Ereignissen dabei sind. Wer tagsüber arbeitet und abends noch bloggt, hat praktisch keine Chance, bei wichtigen Ereignissen dabei zu sein oder umfänglichere Fragen nachzurecherchieren. Freie Lokaljournalisten wie ich sind da noch in einer relativ guten Position, wenn sie für einen zahlenden Auftraggeber ohnehin an Themen arbeiten, die sie auch in ihrem Blog aufgreifen. Aber selbst da wird es schon eng: Ich würde gerne eine kontinuierliche Berichterstattung über einige kommunalpolitische Themen sicherstellen, aber wenn ich die Geschichte nicht zugleich an eine Zeitung „verkaufen“ kann, muss sie leider ausfallen.

Vielleicht kann an dieser Stelle ja eine funktionierende „Ebene-eins-Mischfinanzierung“ ein paar Freiräume eröffnen. Sie könnte es erlauben, wenigstens ab und zu eine Geschichte ausschließlich für das Blog zu recherchieren. Vorerst ist das die einzige erreichbare Perspektive, die ich für die Finanzierung von Regioblogs erkennen kann.

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Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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7 Antworten zu Sind Regioblogs finanzierbar?

  1. Bernd schreibt:

    Ganz so schwarz sehe ich die Zukunft für RegioBlogger nicht – wobei überhaupt die Frage ist, ob man sich als „Blogger“ und nicht als Autor o.ä. vermarkten sollte, wenn man ordentliches Geld verdienen will.

    Letztlich alles eine Frage der Selbstvermarktung, der Reichweite und des Einzugsgebiets. Ich denke schon, dass kleine Einheiten wie ein RegioBlog sich refinanzieren können – zumal sie keine signifikanten Ausgaben haben und kein Mitarbeiterheer zu finanzieren haben wie die Lokalblätter.

    Ein Patentrezept gibt es imo aber nicht, da alles von der Person des Bloggers, von der Themenauswahl und den Kontakten abhängt.

  2. vtaktuell schreibt:

    Da ist sicher viel Wahres dran, wobei der Knackpunkt ist, wie „refinanzieren“ definiert wird. Natürlich sind die Unkosten gering, gerade wenn man mit dem kostenlosen WordPress-Angebot arbeitet. Aber wenn man die eigene Arbeits- und Lebenszeit mit berücksichtigt, sollte schon ein bisschen Geld rumkommen, damit man die Arbeit am Blog nicht vollkommen „für lau“ macht.

    Zum Geldverdienen ist ein Regioblog sicher nicht geeignet (auch die freie Mitarbeit bei einer Lokalzeitung nur sehr bedingt). Ich halte eine unabhängige Berichterstattung über lokale Themen in erster Linie für gesellschaftlich wichtig. Aber wer diese Aufgabe übernimmt, sollte nicht am Hungertuch nagen müssen.

  3. Bernd schreibt:

    „Zum Geldverdienen ist ein Regioblog sicher nicht geeignet“ würde ich ersetzen durch „Zum Reichwerden ist ein Regioblog sicher nicht geeignet“.

    Ich bin überzeugt, dass auch ein Regioblogger, der sich etablieren und ein großes Publikum um sich scharen kann, vor allem durch lokale (!) Werbung sein Einkommen haben wird. Soweit ich es mitbekommen habe, kann Hardy Prothmann zB von seinen Blogs leben. Und ich hab’s ehrlich gesagt auch vor 🙂

    2011 muss der Rubel rollen.

  4. vtaktuell schreibt:

    Zugegeben, das mit dem Geldverdienen war unscharf formuliert.

    Was die Erwerbsmöglichkeiten betrifft, bin ich zwar skeptisch, wünsche aber Kollegen Prothmann und dir viel Erfolg.

    Allerdings wirft die lokale Werbung natürlich neue Probleme auf, weil man eventuell von Wirtschaftsinteressen abhängig macht, aber das ist ja ein altbekanntes Problem, dem man teilweise durch das breite Streuen der Werbekunden begegnen kann. Die Trennung von Anzeigenabteilung und Redaktion ist bei einem personell dünn besetzten Blog allerdings nicht mehr machbar.

  5. Bernd schreibt:

    Die totale Unabhängigkeit des Journalismus von der Wirtschaft ist ohnehin eine Illusion. Ich werde versuchen, mit einem Maximum an Transparenz mit dem Problem umzugehen.

    Leider kann ich noch keine Online-Erfahrungen vorweisen, weiß aber, dass die Vermischung von redaktionellen Inhalten mit werbenden in den Tageszeitungen eigentlich nicht mehr zu steigern ist. Die Trennung von Anzeigenabteilung und Redaktion ist meist nur noch eine räumliche.

  6. vtaktuell schreibt:

    Würde ich in der Radikalität nicht bestätigen. Aber in vielen Zeitungen gibt es da sicher große Probleme. Viele Kollegen kämpfen gegen die Vereinnahmung durch die Anzeigenabteilung. Wie die „Gefechtslage“ in diesem Kampf ist, dürfte ziemlich unterschiedlich sein, hat sich imho aber in den vergangenen Jahren zu Ungunsten der Redaktionen entwickelt.

  7. Die Kritik an Langers Beispiel mit Niggemeier und Weinreich empfinde ich etwas übertrieben. Regioblogs haben in der Regel eine andere Leserstruktur als Niggemeier & Co. Bei Regioblogs erwarte ich zwar eine kleinere, dafür aber loyalere und weniger umtriebigere Leserschaft. Ist das der Fall, dann sind die Voraussetzungen für die erfolgreiche Nutzung von Social Payment Systemen sogar eher gegeben. Bei richtiger Ansprache kann es gelingen auch jene Leser zu überzeugen, die wenig neben dem Regioblog lesen – deren Flattr/Kachingle-Beitrag würde zum großen Teil diesem Medium zufließen und damit einen höheren Durchschnittsbetrag erzielen.

    Was notwendig ist um Social Payment erfolgreich umzusetzen ist die „richtige“ Ansprache der eigenen Leserschaft. Alleine das Einbauen eines Buttons reicht nicht aus, doch die richtige Ansprache, Positionierung und Häufigkeit der Erwähnung zu finden, dass wird in jedem Einzelfall schwierig sein. Das ist aber das Entscheidende.

    Dennoch im Fazit stimmen wir m.E. überein: Kurzfristig wird Social Payment kein Heilsbringer sein. Vielmehr wird es Jahre dauern die Kultur und Haltung dahingehend positiv zu beeinflussen.

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