Erst starb Tante Emma, jetzt der Supermarkt


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In Frickhofen zieht der Rewe-Markt um, in Hadamar entsteht ein neuer Lidl, Limburg will die Einzelhandelsfläche in der so genannten „Werkstadt“, in Ahlbach und am Kaufland-Gelände heftig aufstocken. Offenbar steht der Region ein Schub von Einkaufsmarkt-Gründungen bevor. So recht glücklich macht mich diese Entwicklung nicht. Denn sie erweckt den Anschein, dass sich eine Menge im Kreis dreht und dabei vor allem städtebauliche und Infrastrukturprobleme produziert. Dazu an dieser Stelle ein paar Gedanken.

Vor 35, vielleicht 40 Jahren ging es los: Auch bei uns auf dem Land machten sich Supermärkte und bald danach Discounter breit, mit Aldi an der Spitze. Teilweise auf der sprichwörtlichen „grünen Wiese“, mehrheitlich aber in Innenstadtlagen siedelten sie sich an und machten bald den althergebrachten Lebensmittelhändlern den Garaus. In den folgenden Jahrzehnten ging es weiter. Baumärkte, Elektromärkte, Kleidungs- und Schuhmarktketten kamen dazu und verdrängten die Fachmärkte in den Stadtkernen. Neue Discounter und Großmärkte verdrängten die erste Generation der Supermärkte.

Jetzt stehen wir vor einer neuen Welle dieser Entwicklung. Demnächst werden viele derjenigen Märkte leer stehen, die erst vor 20 Jahren gebaut wurden, in größeren Städten vielleicht sogar die ersten der gigantischen Shopping-Centers. Ursache sind immer neue Märkte, die derzeit gerade verstärkt aus dem Boden gestampft werden. Hier geht es meines Erachtens nicht mehr darum, dass eine neue Generation des Einzelhandels eine ältere ablöst, sondern schlicht um mit Flächengröße und Preisen ausgetragenen Kannibalismus zwischen den Handelsketten, teilweise sogar innerhalb eines einzigen Unternehmens.

Beispiel Schlecker: Das Drogerieunternehmen war bislang auch in kleineren Orten noch vertreten. Nun setzt es seine neuen XL-Märkte, die vor allem wegen der Arbeitsbedingungen in der Kritik stehen, am Ortsrand an und schließt die Verkaufsstellen in den Ortskernen. In Frickhofen kann man bereits einen aufgegebenen Schlecker-Markt bewundern, während im Gewerbegebiet der XL-Markt gewachsen ist. In Hadamar stellte sich während der Debatte um den Markt in der Faulbacher Straße heraus, dass Schlecker seine beiden Filialen in der Kernstadt ebenfalls schließen will. Der Getränkehändler Dursty hat offenbar ähnliche Pläne.

Der geplante Lidl-Markt in Hadamar wird nicht nur dem benachbarten Aldi das Leben schwer machen, sondern auch den übrigen Händlern, insbesondere dem kleinen Markt am Schloss, der nach langem, auch politisch umkämpftem Leerstand wieder in das Gebäude eingezogen ist. Das im Rahmen der Sportplatzverlegung in Ahlbach geplante Nahversorgungszentrum wird Kaufkraft von Hadamar abziehen, die Erweiterungspläne rund um das Kaufland in der Limburger Brückenvorstadt werden vor allem Elz treffen und die wachsende „Werkstadt“ in der Limburger Innenstadt erhebliche Verschiebungen hervorrufen.
Zugegeben: Hier und da mögen Neuansiedlungen sinnvoll sein. Wenn beispielsweise die Ahlbacher einen kleinen Lebensmittelmarkt bekommen, spart das Verkehr ein und ältere, wenig mobile Menschen können sich wieder im Dorf versorgen. Meist führen jedoch große Marktansiedlungen gerade dazu, dass kleinere, zu Fuß erreichbare Anbieter in den Ortskernen aufgeben müssen.

In Frickhofen würde der Rewe-Umzug nach den derzeitigen Plänen zumindest eine Industriebrache teilweise verschwinden lassen. Aber auch dort stände dann ein vor recht kurzer Zeit speziell als Markt gebautes Gebäude leer. Denn das ist ebenfalls eine neue Qualität der „neuen“ Verdrängung im Handel: Wenn ein alter Tante-Emma-Laden aufgeben musste, dann konnte dort immer noch ein Handwerker, ein Versicherungsvertreter oder ein Dönerladen einziehen. Auch die Nutzung als Wohnraum war möglich. Die Markt-Neubauten der vergangenen vier Jahrzehnte waren jedoch größtenteils exakt für diesen Zweck errichtet worden, mit Vorgaben der späteren Mieter an die Immobilieninvestoren, die teilweise bis zur Art der Fliesen hinabreichten. Wenn eine solche Immobilie nicht mehr für einen Markt gebraucht wird, lässt sich nur sehr schwer etwas Neues darin unterbringen. Der Leerstand ist nahezu unausweichlich. In größeren Städten wie Hamburg oder auch im Ruhrgebiet ergeben sich daraus bereits gewaltige Probleme. Aber auch wer sich einmal am Hadamarer Neumark umschaut, wird verstehen, was ich meine. Und nicht zu vergessen spielt die diese Markt-Neubauwelle vor dem Hintergrund schrumpfender Bevölkerung im ländlichen Raum ab, was sich längst nicht mehr nur im Osten abspielt.

Was lässt sich nun gegen die neue Leerstandswelle tun? Vor allem: Wer kann etwas dagegen tun? Da wäre zunächst die Politik. Damit meine ich weniger die Kommunalpolitiker in den einzelnen Orten. Natürlich sind die immer schnell mit Protesten bei der Hand, wenn in der Nachbarschaft ein neues Marktzentrum eröffnet, das aus ihrer Kommune Kaufkraft ableitet. So viel Nächstenliebe, dass sie auch aus der umgekehrten Perspektive bei eigenen Ansiedlungsprojekten Rücksicht auf die Nachbarn nehmen, wird man wohl kaum erwarten können.

Nein, viel mehr sehe ich die übergeordnete Ebene in der Pflicht, bei uns das Regierungspräsidium in Gießen, das ja auch überprüfen muss, dass Kaufkraft und Angebot in den Kommunen in der Waage bleiben und den Nachbarn nicht über Gebühr Kunden entzogen werden. Hier sehe ich Gießen auf einem guten Weg. Ich war schon positiv überrascht, als der neue Regierungspräsident Witteck im Januar bei seinem Antrittsbesuch in Waldbrunn eine restriktivere Politik bei der Neugenehmigung von Gewerbegebieten und Einzelhandelsflächen angekündigt hat. Inzwischen sehe ich auch gute Anzeichen, dass seine Behörde ernst macht. So hat sie erhebliche Bedenken zu den Plänen in Ahlbach geäußert und auch beim Lidl-Vorhaben in Hadamar scheint es im Regierungspräsidium Vorbehalte wegen der Größe der Verkaufsfläche zu geben. Gut so!

Die Politik, und hier tatsächlich die lokale, kann aktiv etwas tun, indem sie kleine Läden auf den Dörfern fördert. Es gibt Ansätze dafür im Dorferneuerungsprogramm und auch sehr interessante Dorf- und Bürgerladen-Projekte. In der Schweiz beginnen selbst große Handelsketten, Mini-Märkte in ihr Geschäftsmodell zu integrieren. Natürlich muss die Politik angesichts der miesen kommunalen Kassenlagen genau aufpassen, dass sie keine Vorhanden fördert, die auf Dauer zu Subventionsgräbern werden. Zudem sollte es Unterstützung tatsächlich nur für die Befriedigung des unmittelbaren Bedarfs im jeweiligen Dorf geben, nicht für Marktzentren, die wieder Kaufkraft von den Nachbarn abziehen.

Noch mehr aber als die Politik ist jeder einzelne Bürger und damit Konsument gefragt. Vergleichbar wie bei regionalen Lebensmitteln, Bioprodukten oder Ökostrom nutzen die Menschen auch unter Gesichtspunkten der lokalen Wirtschaftsförderung und der Infrastruktur viel zu wenig. Wer verhindern will, dass der Bäcker im Dorf und der kleine Lebensmittelhändler im Stadtkern eingeht, der muss gefälligst auch mal dort einkaufen und für Umsatz sorgen. Das Bewahren des Angebots und damit eines Stücks Lebensqualität in unseren Orten sollten und ein paar Euro mehr Wert sein, zumal kaum irgendwo sonst die Lebensmittel so billig sind wie in Deutschland. Und ich kann auch ruhig ertragen, nur zwischen zehn und nicht zwischen 30 Sorten Käse auswählen zu können, wenn ich dafür einen Lebensmittelmarkt erhalte, den auch meine 80-jährige Nachbarin zu Fuß erreichen kann. Verbraucher, werdet euch eurer Macht bewusst!

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Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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2 Antworten zu Erst starb Tante Emma, jetzt der Supermarkt

  1. Manuel Heinrich schreibt:

    Die Entwicklung bezüglich der Ansiedlung von Einzelhandelsflächen ist in der Tat wieder rückläufig, dies hat auch die Expo Real, die am vergangenen Mittwoch zu Ende ging, und auf der die Region Mittelhessen mit einem Gemeinschaftsstand vertreten war, ergeben. Zusammengefasst kann man das in unserem Bericht vom dritten Messetag lesen: Einzelhandel will zurück in die Innenstadt/Positives Expo-Resümee am Mittelhessenstand (6. Oktober 2010)

    Gruß, Manuel Heinrich

  2. Pingback: Lösung Bürgerladen? | vtaktuell

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