Lokal leaken?


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Zwar zerlegt sich Wikileaks derzeit gerade selbst unter Absingen schmutziger Lieder, dennoch oder gerade deshalb werden Whistleblowing und zugehörige Plattformen in Journalisten- und Bloggerkreisen eifrige diskutiert. Nachdem Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg angeregt hat, dass sich zusätzlich zum populären Wikileaks “tausende” Whistleblowing-Plattformen bilden, möchte ich mir einmal Gedanken über solche Projekte aus lokaljournalistischer Sicht machen.

Zunächst eine Begriffsklärung für die Leser, die nicht allzu tief in die Fachdebatte eingetaucht sind: Whistleblowing bedeutet, dass jemand aus einer Behörde, einer Partei, einem Unternehmen oder einer anderen Institution interne Informationen und Belege an die Medien herausgibt, die kriminelles oder unethisches Verhalten dieser Institution belegen. Der Informant setzt sich dadurch zumindest zivilrechtlicher (vor allem arbeitsrechtlicher) Verfolgung aus, oft auch strafrechtlichen Vorwürfen (Geheimnisverrat oder Weitergabe von Dienstgeheimnissen zum Beispiel) oder muss sogar mit Gefahren für Leib und Leben rechnen. Deshalb ist die Anonymisierung des Informanten auch so wichtig, nicht nur zu dessen eigenem Schutz, sondern auch um zukünftige Whistleblowern das nötige Vertrauen für diesen Schritt zu geben.

Das Prinzip ist nicht ganz neu. Bekanntestes Beispiel dürfte die Watergate-Affäre sein, die im Kern auf den Informationen eines Whistleblowers beruht, aber auch jede Lokalredaktion bekommt im Verlauf eines Jahres den einen oder anderen unbeschrifteten Umschlag mit Fotokopien ins Haus, die krumme Grundstücksgeschäfts eines Landrats, Unterschlagungen eines Bürgermeisters oder Ausschreibungsbetrug einer Baufirma beweisen sollen. Die neue Qualität von Wikileaks und einigen zum Teil älteren, aber weniger bekannten Projekten ist erstens die Veröffentlichung von Whistleblower-Daten im Internet, wo sich Journalisten und andere Interessierte einlesen können, und zweitens die Anonymisierung der Informanten mit Hilfe elektronischer Möglichkeiten. Das soll sicherstellen, dass in dem heute meist ebenfalls elektronischen und nicht mehr fotokopierten Material verborgene Hinweise auf den Whistleblower auffindbar bleiben.

Doch nun zu den eigentlichen Fragen, mit denen ich mich befassen will: Bringen Leaking-Plattformen etwas für den Lokaljournalismus? Wie müssen sie unter den speziellen Bedingungen lokaler Berichterstattung aufgebaut sein?

1. Brauchen wir das überhaupt?

Sollten Whistleblower-Plattformen sich nicht lieber auf weltpolitische Geschehnisse, beispielsweise den Afghanistankrieg, konzentrieren? Gibt es für sie in lokalen Zusammenhängen überhaupt etwas zu tun? Ist dort der hohe technische Aufwand überhaupt nötig? Das sind alles berechtigte Einwände. Natürlich gibt es auf der Ebene eines Landkreises oder meinetwegen eines Bundeslands nicht so viele Informanten und (hoffentlich) nicht so viele aufdeckungswürdige Schweinereien wie in einer nationalen Regierung, einer Armee oder einem weltweit agierenden Konzern. Allerdings besteht doch ein gewisser Bedarf wie die eingangs erwähnten Umschläge ohne Absender im Lokalredaktions-Briefkasten beweisen.

Aber reicht der Briefkasten nicht dafür? Nein, heute vielleicht nicht mehr. Zunächst einmal sind Lokalzeitungen keineswegs immer den hehren Idealen des kritischen Journalismus verpflichtet. Wenn der geneigte Informant aus dem Rathaus, wie heute fast überall, auf eine Monopolzeitung stößt und der betreffende Redakteur, wie leider viel zu oft, ein guter Freund des Bürgermeisters ist, dann landen seine Dokumente aus dem Schreibtisch des Letzteren, worauf die Suche nach dem Schuldigen beginnt, ohne dass es eine Veröffentlichung gegeben hätte. Da bietet eine zentrale Leaking-Plattform die Möglichkeit, neben der Lokalzeitung gleich noch überregionale Medien, freie Journalisten, Blogger anzusprechen, die der Informant möglicherweise selbst überhaupt nicht ins Auge gefasst hätte.

Ein weiteres Argument für elektronische Whistleblower-Plattformen ist schlicht die Tatsache, dass heute natürlich auch die Unterlagen, um die es geht, elektronisch vorliegen. Für die Informanten ist es mit einem erheblichen Risiko verbunden, sie auszudrucken, da dies innerhalb der Institution nachvollziehbar wäre. Natürlich ließen sich auch elektronische Dokumente sehr leicht per E-Mail-Verteiler verschicken. Grundsätzlich wäre wohl auch ein einzelner Whistleblower in der Lage, den Ursprung dieser Dokumente zu verschleiern, beispielsweise durch Umwandlung von Text- in Grafikformate und durch die Anmeldung bei einem anonymen Mail-Dienst. Das mag in einem lokalen Umfeld in den meisten Fällen genügen. Spätestens wenn die Staatsanwaltschaft und damit staatliche Überwachungstechniken ins Spiel kommen, könnte es den Informanten an den Kragen gehen. Da ist es schon besser, wenn man sich auch für Daten von räumlich begrenzter Relevanz auf technische Profis verlassen kann, die sämtliche Spuren zum Urheber tilgen. Dadurch dürfte auch für technisch weniger versierte Informanten die Hemmschwelle sinken: Sie müssen ihr Material nur noch über eine ausreichend gesicherte Möglichkeit hochladen und brauchen sich nicht auf die eigenen, vielleicht begrenzten Möglichkeiten zur Anonymisierung verlassen.

Darüber hinaus können diese Fachleute auch gleich die kritische Überprüfung des Materials übernehmen. Damit hätten die Journalisten und andere Nutzer die Gewissheit, dass ihnen keine technisch manipulierten Fotos oder Videos untergeschoben werden.

2. Warum nicht auf Wikileaks?

Wikileaks bietet die technische Ausstattung, einen großen Mitarbeiterstab und vor allem den nötigen Bekanntheitsgrad. Warum also nicht diese Plattform für lokale Whistleblower-Inhalte nutzen? Ganz einfach: Weil sie vermutlich nie veröffentlicht werden. Denn Wikileaks macht seinen Job nach einer hoffnungsvollen Startphase inzwischen ziemlich schlecht, und das nicht erst seit der massiven Auseinandersetzung wegen des Afghanistan-Aktenmaterials oder des Collateral-Murder-Videos. Schon davor gab es teilweise über Monate keine neuen Veröffentlichungen und seitdem beschäftigt sich das Projekt fast ausschließlich mit Marketing in eigener Sache oder Selbstzerfleischung und ist derzeit sowieso auf unbestimmte Zeit offline. Es hieß ja mal, dass man einen Großteil des E-Mail-Verkehrs der NPD vorliegen hätte. Auf eine Publizierung lässt Wikileaks aber bislang ergebnislos warten. Da dürfte es illusorisch sein, dass dort irgendwelches Material eine Chance hätte, das aus einer regionalen oder lokalen Verwaltung kommt.

3. Was muss eine lokale Leak-Seite bieten?

Angesichts der schlechten Erfahrungen kann Wikileaks lediglich als Vorbild für die technische Dimension einer lokalen Leak-Seite dienen. Die Anonymisierung der Daten, die rechtliche und technische Absicherung des Projekts, die staatlichen Stellen den Zugriff auf die Infrastruktur und Beteiligte erschwert, die personelle Struktur mit einer kleinen Zahl bekannter Vertreter und geschützten Zuarbeitern: Das alles sollte übernommen werden. Allerdings müsste eine für den Lokaljournalismus interessante Form kleinteiliger aufgestellt sein, also beispielsweise nur in der Größenordnung der Bundesrepublik oder des gesamten deutschsprachigen Raums. Das bringt natürlich wiederum besondere Herausforderungen mit sich. Denn zugleich müsste das Projekt so gut wie das Vorbild vor dem Zugriff geheimdienstlicher und juristischer Organe dieser Staaten geschützt werden.

Zu den Technikern, die die Anonymisierung der Daten übernehmen und die Authentizität soweit als möglich überprüfen, müsste eine Ebene hinzutreten, die sich zumindest grundlegend in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen einer Region sowie in der journalistischen Landschaft auskennt, bei traditionellen ebenso wie bei Internetmedien. Diese Mitarbeiter, vielleicht auf Ebene von Bundesländern organisiert und natürlich ebenso wie die Techniker anonym, hätten die Aufgabe, in einer Art Peer Review zunächst einmal zu klären, ob die Informationen überhaupt gesellschaftlich relevant sind, damit das Projekt nicht im fröhlichen Nachbarschafts-Anschwärzen versandet, zu einer Art Rotten Neighbor. Denn das wäre das andere Extrem im Vergleich zu Wikileaks mit seinem Fokus auf die große Weltpolitik. Die in dieser Überprüfung angelegten Kriterien sollten den potenziellen Informanten transparent gemacht werden, nicht allerdings die interne Organisation, wie gelegentlich gefordert wird. Denn dies würde die Beteiligten angreifbar machen. Darüber hinaus hätten die Länder-Koordinatoren auch die Aufgabe, diejenigen Medien auf frische „Leaks“ hinzuweisen, für die diese Informationen relevant sein könnten. Natürlich kann so etwas auch über Suchfunktionen oder (auf Landkreis-Auflösung) regionalisierte Feeds funktionieren, aber die direkte Ansprache wäre zumindest so lange wichtig, bis sich ein Leaking-Portal als eigene Größe im Informationsbetrieb etabliert hat.

Und schließlich dürfte es auch für eine regionale Plattform eine wenig Selbstmarketing á la Wikileaks sein. Denn schließlich müssten die potenziellen Whistleblower erst einmal erfahren, dass es überhaupt ein Werkzeug gibt, mit dem sie Informationen über Unsauberkeiten in Politik, Verwaltung, Verbänden und Wirtschaft gefahrlos an die Öffentlichkeit bringen können.

Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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