Unsere Zeitung ist so mies – Warum nur?


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„Ihr macht eine miese Zeitung.“ Mal mehr, mal weniger freundliche formuliert, bekommt man das immer wieder von Lesern an den Kopf geschmissen. Ich habe ja nun einige Einblicke in Tageszeitungen im ländlichen Raum gewonnen, sei es als Redakteur, als freier Mitarbeiter oder weil ich mir gerne mal die lokale Zeitung am Kiosk hole, wenn ich irgendwo in der Republik unterwegs bin. Wenn ich diese Eindrücke zusammenfasse und auch mal einen Blick ins Archiv werfe, muss ich zugeben: Die Leser haben Recht. Die Tageszeitungen sind in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich schlechter geworden. Richtig gut waren sie aus meiner Sicht in den späten 70er, den 80er, vielleicht noch frühen 90er Jahren, also noch weit vor der Zeit, in der ich aktiv daran beteiligt war.

Zwei Arten von Lesern – beide unzufrieden

Nun ist „schlecht“ ein ziemlich schwammiger Begriff. Was genau heißt „schlecht“? Zwei Argumentationslinien kann ich ausmachen. Da wären zunächst die intellektuell anspruchsvollen Leser. Sie erwarten gut durchrecherchierte Artikel, Meinungsbeiträge, politische Analysen, ungewohnte Themen und Formen, vor allem aber keine unbearbeitete Übernahme von Mitteilungsmaterial. Die andere Gruppe sind die lokal anspruchsvollen Leser. Sie erwarten möglichst jeden Tag etwas aus ihrem Ort zu lesen, auch wenn die welt- und kulturpolitische Bedeutung dieser Ereignisse naturgemäß eher gering ist. Die Vereine, in denen sie meist Mitglied sind, sollen präsentiert werden, Dorffeste und alles, was an kleineren Veranstaltungen so los ist.

Die Gründe: Redaktionen kaputtgespart – Leser verwöhnt

Beides erfüllen Lokalzeitungen heute unzureichend, dem gegenseitigen Schultergeklopfe in der Verlagslandschaft zum Trotz. Früher taten sie es in gewisser Weise besser. Die intellektuell anspruchsvollen Leser stießen damals auf Journalisten, die vor allem das tun durften, was Journalisten tun sollen: Themen recherchieren und Artikel schreiben. Dazu haben Redakteure heute kaum noch Zeit, denn erstens haben die Verlage die Redaktionen kaputt gespart, indem sie die Setzer abschafften. Redakteure müssen heute deren Arbeit miterledigen: Seiten gestalten, Fotos bearbeiten, die Produktionstechnik überwachen. Sachen also, für die Redakteure überhaupt nicht ausgebildet sind und für die es zwar eines soliden Facharbeiterwissens, aber nicht der akademischen Ausbildung bedarf, die Redakteure heute gemeinhin haben. Das bringt schlechteres Layout, mehr Rechtschreibfehler und weniger Zeit für die eigentliche journalistische Arbeit mit sich. Zudem sind insgesamt zahlreiche Journalistenstellen gestrichen worden, so dass sich die Arbeit auf weniger Schultern verteilt.
Zweitens haben die Verlage auch die Honoraretats gesenkt. Deshalb sind auch die freien Journalisten dazu gezwungen, Masse statt Klasse zu produzieren, oder Leute mit entsprechenden Fähigkeiten halten sich gleich vom Journalismus fern, weil er wirtschaftlich uninteressant ist.
Drittens wirkt sich wie in allen Bürojobs der Fluch der modernen Kommunikationsmittel aus. Auch in kleineren Redaktionen sind am Tag hunderte E-Mails zu bearbeiten, ständig klingelt das Telefon. Nicht zuletzt sind die Seiten-Volumina gewaltig gewachsen. Noch vor 20 Jahren umfasste beispielsweise bei der NNP der Lokalteil nur ein Drittel bis der Hälfte der heutigen Größe. Die technische Betreuung dieses Volumens verschlingt Zeit, die für die Recherche fehlt.

Letzteres belastet nicht nur die ohnehin überforderten Redakteure, sondern ist letztlich auch der Grund für den Frust bei der zweiten, der lokal anspruchsvollen Lesergruppe. Diese Leute sind in den vergangenen Jahrzehnten verwöhnt worden. Berichterstattung von Kirmesfesten, Jahreshauptversammlungen, aus Schrebergärten, Kindergärten und Grundschulen, flächendeckende Ankündigungen auch der kleinsten Vereinstermine: Noch vor 20 Jahren gab es so etwas schlicht nicht. Die Redaktionen sind mit ihrer Berichterstattung immer weiter auf Graswurzelebene gegangen. Genutzt hat es nichts. Bei fast allen Tageszeitungen befindet sich die Auflage seit Jahrzehnten im fortwährenden Sinkflug.
Eines hat diese Berichtsinflation aber bewirkt: Die Leute bestehen nun darauf und fordern immer mehr. Wenn der Kindergarten den Bäcker besucht, wenn der Verein einen Ausflug macht, wenn die Kürbisse im Garten besonders gut gelungen sind – immer soll die Lokalzeitung berichten. Tut sie es nicht, wird fröhlich mit der Abbestellung gedroht. Nebeneffekt dieser Entwicklung: Auch die intellektuell Anspruchsvollen sind genervt, weil dieser für sie irrelevante Kram die Zeitung verstopft.

Die Bürgerplattform: Eine Lösung?

Was tun gegen diese Entwicklung? Umstrukturierungen innerhalb von Redaktionen bringen meiner Meinung nach nichts, weil die Arbeitsauslastung schon zu hoch ist, um irgendwo noch Freiräume eröffnen zu können. Vielmehr müssen die Verlage wieder Setzer, heute wohl eher „Mediengestalter“, einstellen. Nur so lassen sich die Redakteure entlasten, damit sie wieder ihre eigentliche Arbeit machen können. Beim Problem der verwöhnten Leser halte ich ein schlichtes Zurückdrehen der Entwicklung dagegen nicht für angebracht. Denn grundsätzlich ist der „Graswurzeljournalismus“ eine gute Sache. Die Lokalzeitung soll ja gerade das abbilden, was bei jedem Leser vor der Haustür passiert. Dass ein Thema nur ein, zwei Dutzend beteiligte Leute im Dorf interessiert, ist kein Argument dafür, es nicht zu drucken. Schließlich ergeben Untersuchungen des Leseverhaltens, dass auch Themen wie Kultur oder Lokalsport nur von einem verschwindend kleinen Teil der Leser wahrgenommen werden.
Aber müssen Meldungen zur Frauengymnastik des Turnvereins tatsächlich von einem Redakteur redigiert werden? Bedarf der hereingereichte Bericht des Grundschul-Fördervereins tatsächlich einer tiefgreifenden stilistischen Überarbeitung? Ich glaube nicht. Warum schaffen die Verlage für solche Inhalte nicht ein komplett neues Ressort im Lokalteil, vielleicht mit dem Titel „Bürgerplattform“? Dort könnten Vereine und Co. ihr gesamtes Material abliefern, vielleicht über eine Internet-Schnittstelle, wenn auch mit gewissen Längenbegrenzungen versehen. Diese Meldungen und Pressemitteilungen würden dann nur noch grob gesichtet und eventuell presserechtlich Unzulässiges ausgesiebt. Ansonsten kann alles mitsamt Rechtschreibfehlern und Stil-Schnitzern unredigiert ins Blatt.
Wer gut geschriebene Nachrichten und feuilletonistische Betrachtungen setzt, wird diese Texte ohnehin nicht lesen, auch wenn jemand sie redigiert hat. Wer dagegen in epischer Breite wissen will, was in seinem Dorf geschieht, wird sich auch nicht am holprigen Stil des Vereins-Schriftführers stören, der dann ungefiltert in der Zeitung stünde.
Den Redakteuren würde das eine monotone, ihren Fähigkeiten nicht angemessene Arbeit vom Hals schaffen und Ressourcen freimache, die dann wieder in gut geschriebene Geschichten, umfängliche Recherchen und Hintergrundgespräche investiert werden könnten. Damit wären dann hoffentlich alle zufrieden: die Vereins- und Dorfmenschen, die nun endlich in der „Bürgerplattform“ eine alles abdeckende Berichterstattung bekommen, und die Anspruchsvollen, denen im traditionellen Teil der Zeitung mehr Niveau geboten wird.

Der Stein der Weisen für die Lokalzeitung?

Wären damit alle Probleme des Lokaljournalismus gelöst? Sicher nicht. Denn die Idee der „Bürgerplattform“ wird sich in keinem Verlag durchsetzen lassen. Zunächst einmal wird kein Verlag Setzer oder irgendwelches andere zusätzliche Personal einstellen. Schließlich sind die Redakteure ja sowieso da. Die können dann gefälligst auch layouten. Zwar stürzt damit die Qualität der Zeitungen weiter ab wie seit Jahren, aber das kümmert auf Verlagsebene niemanden. Dort interessiert nur der kurzfristige Einspareffekt. Selbst wenn ein Verlag das Experiment „Bürgerplattform“ wagen würde, flössen die freigewordenen journalistischen Ressourcen nicht in die Verbesserung des „klassischen“ Lokalteils. Eher noch würden weitere Redakteursstellen gestrichen, weil es ja offenbar auch mit weniger Aufwand geht. „Ihr macht eine miese Zeitung.“: Dieser Spruch wird also noch eine Zeit lang zu hören sein. Aber sicher nicht unbegrenzt. Denn irgendwann haben alle Leser der Zeitung den Rücken gekehrt – die intellektuell ebenso wie die lokal anspruchsvollen.

P.S.: Eine ähnliche Idee hat übrigens auch Kollege Christoph Lippok formuliert, wenn auch mit dem etwas martialischen Ausdruck “zerschlagen der Tageszeitung” und dem weitreichendernen Ansatz eines Baukasten-Systems für Tageszeitungen, das alle Sparten umfasst und nicht nur Premium-Lokalteil und Bürgerplattform meines Entwurfs.

Über vtaktuell

Noch handelt es sich hier um ein Experiment. Dieses Blog soll meine journalistische Arbeit begleiten, in erster Linie mein Wirken auf lokaler Ebene in Westerwald, Taunus und dazwischen. Hier sollen Texte ihren Platz finden, die in anderen Print- und Onlineformaten nicht unterzubringen sind, ebenso ergänzendes Meinungs- und Hintergrund-Material zu meiner sonst eher nachrichtlichen Arbeit. Ich bin auch auf Facebook und bei Twitter vertreten, jeweils unter der Bezeichnung "vtaktuell".
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36 Antworten zu Unsere Zeitung ist so mies – Warum nur?

  1. Frank Hamm schreibt:

    Hallo Herr Thies,

    danke für diesen Artikel. Wenn ich auch nicht selbst eher aus der Internetbranche komme, kann ich IHre Gedanken vollständig nachvollziehen.

    Ich denke tatsächlich das die Menschen noch viel mehr lokale INformationen aus IHRER Ggegend wollen.

    Bevor ich vor knapp 3 Jahren von Hadamar in nach Mähren (Verbandsgemeinde Wallmerod) gezogen bin, hatte ich in Hadamar ein Online Stadtportal ausschließlich für den Raum Hadamar.

    Möglicherweise sagt Ihnen der Name Region-Hadamar-Online.de noch etwas.

    Es war erstaunlich. Hadmar ist ja nun wahrlich keine groß Stadt (ich denke ca. 15000 Einwohner mit alllen Ortsteilen) Aber innerhalb von 2 Jahren hatte ich es geschafft so im Schnitt 450 Besucher täglich in dem Stadtportal begrüssen zu dürfen.

    Nach und nach kamen auch immer mehr Verein und Bürger au mich zu un habe mir Artikel geschickt.

    Ich denk also das es von Seiten der Bürger durchaus denkbar wäre so etwas wie das “Bürgerforum” bei einer Zeitung einzurichten.

    Nicht zuletzt dadurch würde so eine Zeitung für die Bürger auch zu “Ihrer Zeitung”

    Abschliessend nochmal mein Kopliment für dieses Online-Experiment, von dem ich hoffe das es keine Experiment bleibt.

    Ich jedenfalls lese hier sehr gerne mit.

    MfG Frank Hamm

  2. Frank Hamm schreibt:

    Nachtrag:

    Irgendwie waren heute morgen meine Finger falsch eingehängt. Ich bitte die Tipfehler zu entschuldigen, hätte doch nochmal über den Kommentar lesen sollen, ehe ich ihn abschickte. :-)

  3. vtaktuell schreibt:

    Hallo Herr Hamm,

    vielen Dank für die lobenden Worte. Region-Hadamar-Online.de ist mir noch gut in Erinnerung.

    Was mein Blog betrifft, experimentiere ich ständig weiter. Im Augenblick bin ich gerade ziemlich erstaunt, welches Feedback eine Handvoll Links auf ein paar Blogs erzeugen. Hoffentlich schlägt sich das auch in einer Diskussion über die Kommentarfunktion nieder.

    Beste Grüße,

    vt

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  5. Amy schreibt:

    Danke für die Analyse!
    Die Diskussion erinnert mich an die Medienradio Folge Lokales Bloggen mit Hardy Prothmann (u.a. vom Heddesheimblog), wo sehr anschaulich dargestellt wird, wie alternative lokaljournalistische Angebote als Ergänzung oder gar als Konkurrenz zu Regional-/Lokalblättern funktionieren können.

  6. Peter Löwenstein schreibt:

    Yepp, ich finds auch gut dargestellt.

    Zum Aspekt Bürgerplattform: Meine Diskussionen in diese Richtung mit lokalen Verlagen kann ich in zwei Stränge ordnen:
    * Stopfzeitungs- und Anzeigenblätter: Bloß nicht so ‘ne Plattform im Internet anbieten! Wir selbst leben von diesen Beiträgen als dem Herz unserer redaktionellen Inhalte. Doch wenn wir aufs Internet wechseln, brechen uns die Anzeigenkunden weg aus dem Mittelstand, aus den Handwerksbetrieben weg.
    * Regionale Tageszeitungen: Derzeit sicher noch nicht! Erst mal versuchen wir, unsere einbrechenden Erlöse bei den Abozeitungsprodukten durch ein verstärktes Engagement in eigenen Stopfzeitungen (.. der Name leitet sich übrigens ab aus dem Umstand, dass diese Zeitungen ungefragt den Briefkasten verstopfen) und kostenlos verteilten Anzeigenblättern auszugleichen. Seitdem Aldi und Co ihre ganzseitigen Anzeigen gestoppt haben, setzen die Verlage verstärkt auf Stopfzeitungen, weil in diese wunderbar weitere Kundenblättchen und wöchentliche Produktinformationen als Beilagen eingelegt werden können.

    Ohne die regionalen Anzeigenkunden (Mittelstand, Baumärkte, Gartencenter), welche zur Zeit noch nicht ins Internet wechseln möchten wird das Überleben für die Betreiber einer Bürgerplattform schwer.
    .

  7. vtaktuell schreibt:

    Vielen Dank für die Anmerkungen, Peter, und alle anderen natürlich auch.

    Damit wir nicht über verschiedene Dinge schreiben: Ich meinte diese “Plattform” schon als Druck-Produkt. Gerade die älteren und stärker lokal verwurzelten Leser sind imho noch lange nicht bereit, ins Internet zu wechseln.

    Ich bin der Meinung, dass es auch auf lange Sicht weiter lokale Zeitungen geben wird. Vermutlich wird sich ihre Gestalt verändern. Denkbar wäre das Internet als Haupt-Medium und eine wöchentliche oder zweitägige Zusammenfassung wichtiger Themen und Diskussionsbeiträge oder auch individuell zusammengestellte On-Demand-Produkte (Lokalsport für den einen, Kreis-Politik, nor der eigene wohnort oder Kultur für den Anderen).

    Der Trend zu den Anzeigenblättern ist sicher da, nur ist er nach meiner Erfahrung bei verschiedenen Zeitungsverlagen sehr unterschiedlich stark ausgeprägt. Einige halten sich da weiterhin sehr zurück.

  8. Ich finde den Gedanken einer Bürgerplattform ehr folgerichtig. Ich folge Peter Löwenstein, die lokalen Anzeigenkunden sind Print orientiert. Die wollen etwas in der Hand halten.

    Aber die Print-Produktionskosten für die unredigierten Bürgerplattform-Beiträge sind natürlich zu beachten. Meines Erachtens ist man da im Internet besser aufgehoben.

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  10. Sascha Borowski schreibt:

    Ich fürchte, eine Bürgerplattform in der Zeitung, bei der “alles mitsamt Rechtschreibfehlern und Stil-Schnitzern unredigiert ins Blatt” wandert, ist keine Lösung. Denn alles, was in der Zeitung und damit unter der Marke veröffentlicht wird, wird vom Leser eben auch dieser Marke zugerechnet. Also: Wenn schon Bürgerplattform und Vereinsberichterstattung in der Zeitung, dann bitte auch redigiert und fehlerfrei. Denn dafür bezahlt der Leser seine Zeitung.

  11. vtaktuell schreibt:

    @Sascha Borowski:
    Sehe ich ein wenig anders. Erstens müsste man natürlich kommunizieren, dass dies eine andere Form von Zeitung wäre. Zweitens bezahlen die Leser durch den Auflagenrückgang in ihrer Gesamtheit immer weniger für die Zeitung. Dadurch (und durch hohe Renditeerwartung sowie falsche Politik der Verlage, durch gestiegene Umfänge, gestiegene Produktionskosten und geringere Anzeigenerlöse) ist das Zeitungmachen wie bisher nicht mehr möglich.

    Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten, mit dieser Lage umzugehen. Die Verlage könnten auf Rendite verzichten, was sie nur in seltenen Fällen tun werden. Sie können die Produktionskosten drücken, was sie durch Entlassungen und untertarifliche Bezahlung quer durch die Republik durchaus tun. Nur senkt Letzteres die Qualität quer durchs Blatt, und dann stehen die Vereinsmeldungen halt nicht wegen der Bürgerplattform unredigiert im Blatt, sondern weil die ausgedünnten Redaktionen es nicht mehr schaffen, daran etwas zu ändern.

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  14. Hardy Prothmann schreibt:

    Mit der Bitte, diesen Kommentar zu veröffentlichen, da beim Drüberlesen noch einige Unkorrektheiten korrigiert wurden.
    Guten Tag!

    Hm, wenn Sie sich die heutigen Lokalzeitungen anschauen, wird bereits eine Vielzahl der Meldungen unter „zg“ (zugeschickt) veröffentlicht, folgt also dem Prinzip, das Sie als „Bürgerplattform“ hier vorschlagen.
    Welche Auswüchse dabei herauskommen können, lesen Sie hier:
    http://heddesheimblog.de/2010/09/09/ist-der-mannheimer-morgen-ein-sanierungsfall/

    Und ja, die Meldung der Frauengruppe und des Fördervereins braucht eine journalistische Einordnung, weil ansonsten das ganze langweilige Zeugs im Medium landet und zu einem “Leseverhalten” führt, das mancher als “desaströs” empfindet, wenn man gerne die Schuld bei anderen sucht.
    Wie es anders geht, steht in dem von Ihnen gelinkten Text zu Readerscan im Text:
    „Sie können eine Zeitung nicht auf Dauer dadurch im Markt halten, daß sie den Lesern Kaffeemaschinen schenken, sondern nur dadurch, daß ihre Inhalte den Leserbedürfnissen entsprechen. Das Geld muß zurück ins Produkt.“
    http://bit.ly/arT0jH

    Wenn Sie diesen Text nochmals aufmerksam lesen, wird Ihnen auffallen, dass es immer wieder um dasselbe geht, um Qualität.

    Journalistische Qualität ist in erster Linie die Glaubwürdigkeit. Wenn die abhanden kommt, geht es runter mit den Zahlen.

    Die nächste Qualität ist die Betroffenheit – wenn man also die Leserinnen nicht anspricht, kann man machen, was man will, dann wird sich niemand für das Produkt interessieren.

    Kennen Sie übrigens den in Deutschland erfolgreichsten Printtitel? Und wer auf Platz zwei liegt? Apothekenrundschau und ADAC-Motorwelt. Soviel zur Betroffenheit.

    Die dritte Qualität ist Orientierung. Die Zeitung, die banale Meldungen nur als banale Meldungen abdruckt, ist…? Richtig: Banal.
    Wenn sich Medien darauf konzentrieren, dass zu machen, was Ihnen ihre Legitimation überhaupt erst gibt, dann haben sie Artikel 5 GG verstanden.

    An der dritten Qualität scheitern bereits viele Lokaljournalisten und deren freien Mitarbeiter vollumfänglich.

    Auch die Betroffenheit haben Sie nicht im Blick. Der Grund ist ein einfacher: Die meisten Lokalschreiberlinge sind extrem strukturkonservativ. Egal, ob sie politisch rot, schwarz, gelb oder auch grünen denken. Sie glauben immer noch an das Sender-Empfänger-Modell und haben nicht verstanden, dass das in der multimedialen und ditigalen Welt nicht mehr funktioniert.

    Das größte Problem aber ist nicht der Arbeitsdruck auf Journalisten, sondern ihr Können. Ich gehe mit Ihnen jede Wette ein, dass Sie den typischen deutschen Lokalredakteur eine Woche von allem frei stellen können, um ihm Zeit für eine „Story“ zu geben. Diese „Story“ wird nie erscheinen, weil der typische deutsche Lokalredakteur ohne Terminjournalismus, „zg“s und PR-Mitteilungen nix hinkriegen würde.

    Ganz ehrlich? Im Kern teile ich Ihre Kritik – die schlechte Qualität vieler Lokalzeitungen kritisiere ich schon lange. Aber der Duktus, wie Sie schreiben und was Sie fordern, erzählt mir einiges über Sie selbst.

    Sie müssen erstmal den Balast an eigenen Erfahrungen abwerfen, um einen Schritt weiterzukommen. Dann machen Sie sich keine Gedanken mehr über Verlage und wie man denen helfen könnte, weiter am Markt zu bleiben.
    Dann machen Sie sich Gedanken, wie man es selbst besser macht und in den Markt eintritt.
    Ein Tipp: Ändern Sie sofort Ihre Haltung gegenüber den LeserInnen. Wenn Ihnen das gelingt, sind Sie einen entscheidenden Schritt weiter.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

    • Johann Stoll schreibt:

      Es ist einfach, pauschal auf den Lokaljournalismus einzuprügeln. Richtig ist: Es gibt viel Schatten, aber durchaus auch viel Licht. Die Drehscheibe mit guten Beispielen aus Lokalredaktionen ist Beleg dafür, dass in vielen Lokalredaktionen sehr wohl qualitativ Hochwertiges zustande gebracht wird. Das Lokaljournalistenprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung bemüht sich in enger Zusammenarbeit mit engagierten Lokalredakteuren seit 25 Jahren um bessere Lokalteile. Ich finde, diese Anstrengungen haben sich durchaus gelohnt. Gewiss ist aber auch: Qualität inclusive Unabhängigkeit muss jeden Tag neu erkämpft werden. Insofern bin ich bei Ihnen.

  15. vtaktuell schreibt:

    Hallo Herr Prothmann,

    erst mal besten Dank für Ihre Anmerkungen. Einen Teil davon kann ich teilen. In einigen Punkten sehe ich es natürlich ganz anders.

    Zunächst einmal möchte ich erneut unterstreichen, dass auch die Veröffentlichung der Meldungen der Frauengruppe und des Fördervereins einem legitimen Leserbedürfnis entsprechen. “Lokal anspruchsvoll” habe ich das genannt. Insofern hat das nichts mit der “Kaffeemaschine” zu tun.

    “Betroffenheit” halte ich für einen etwas problematischen Ausdruck, weil er meinem Sprachverständnis nach eher auf das Boulevard zielt, also auf die Arbeitstechnik, Ereignisse immer wieder zu Katastrophen, Dramen usw. hochzujazzen. Ich glaube aber, dass Sie damit das ausdrücken wollen, was klassische “Relevanz” genannt wird, nämlich Relevanz für den Leser. Und das ist eine sehr wichtige Kategorie, ohne Frage. Aber da besteht nicht nur bei den zentralen Themen beispielsweise aus lokaler Politik und Kultur, sondern auch bei den kleinen lokalen Meldungen für die Leser eine große Relevanz. Das zu bewerten, traue ich mir nach mehr als elf Jahren im Lokaljournalismus und vielen persönlichen Gesprächen mit Lesern durchaus zu.

    Das Können-Argument kann ich zumindest pauschal so nicht mittragen. Sicher gibt es viele Kollegen, die froh sind, wenn sie sich in festen Strukturen bewegen können. Allerdings ist es genauso falsch, dass alle lokalen Kollegen unfähig wären, ein gute Reportage oder einen meinungsfreudigen Leitartikel zu schreiben. Auch da habe ich in den zurückliegenden elf Jahren mit Dutzenden Kollegen aus beiden Kategorien zusammenarbeiten können. Außerdem will ich den Terminjournalismus nicht grundsätzlich verdammen. Er gehört auch dazu. Schließlich fallen in Sitzungen der Kommunalparlamente wichtige Entscheidungen und bei der Jahreshauptversammlung eines Vereins, der in einem kleinen Ort der Hauptträger von Kulturarbeit ist, sollten die lokalen Medien ebenfalls vertreten sein.

    Bei der Einschätzung, dass die Zeit der Verlage möglicherweise dem Ende entgegen geht, bin ich wieder bei Ihnen. Allerdings wird das noch ein paar Jährchen dauern. Deshalb setze ich mich zunächst einmal gerne mit dem aktuellen Stand der lokalen Medienlandschaft auseinander. Was die Zukunft bringt, mag diese zeigen.

    Die Spekulationen über meine persönliche Einstellung zu den Lesern halte ich für ziemlich unangebracht. Ich glaube nicht, dass Sie die auch nur annähernd einschätzen können, und bedarf auch keiner Ratschläge dazu.

    Beste Grüße,
    vt

  16. cdv! schreibt:

    Was fehlt: Die Leidenschaft und Lust besser zu werden! Kann die Erfahrungen aus eigener Sicht teilen, und vermisse doch die konstruktiven Ansätze, die ich durchaus sehe. Wer, wenn nicht die lokale Tageszeitung, ist die Plattform für alle (!) Bürger? Einen Knackpunkt sehe ich etwa in der Organisation: Welche Redaktion hat sich denn schon mal die Mühe gemacht, die Pressewarte der Vereine einen Nachmittag lang zu schulen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ihnen bei ihrer Arbeit (und damit der eigenen…) zu helfen? Und ich denke, dass beides geht: Gut recherchierte Themen und der Alltag, der dort auch eine Berechtigung hat. Und ja, @Prothmann hat in seinem Glashaus auch ein bisschen Recht: Manche Kollegen müssten es auch wollen, besser zu werden.

  17. vtaktuell schreibt:

    Solche Schulungen, wenn auch nur einen Abend und nicht einen Nachmittag lang, habe ich an einer meiner lokalen Stationen bereits gemacht. Fand ich auch sehr sinnvoll. Nur stimmt es auch, dass das nicht in jeder Redaktion durchsetzbar ist.

  18. Peter schreibt:

    Du sagst es! Auch gestern bei der Zeitungsnacht haben wir uns – zwar nicht wörtlich, aber in der Tendenz – solche Aussagen wieder anhören müssen. Und später im Gespräch wurde Deine Analyse, ohne dass wir sie zuvor gelesen hatten, zu einem wesentlichen Teil ebenso getroffen. Bis auf die Idee Deines Bürgerforums – die ich sehr gut finde. Die Einschätzung weiterer Einsparungen als Folge eines solchen Forums sehe ich allerdings genau wie Du.

  19. Hardy Prothmann schreibt:

    Guten Tag!

    @cdv Ist das mit dem “besser zu werden” irgendeine Manie von Ihnen?

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  20. Hardy Prothmann schreibt:

    Guten Tag!

    @vt Mein Hinweis war nicht “böse” gemeint. Ich lese aus Ihren Zeilen über LeserInnen einfach eine gewisse Haltung, die ich an Ihrer Stelle überdenken würde, mehr und auch nicht weniger habe ich kommentiert.

    Die LeserInnen, Rezipienten, Medienkonsumenten, wie auch immer die heute genannt werden, habe sich und ihre Teilnahme an der Kommunikation enorm verändert.

    Wer das nicht berücksichtigt, wundert sich, warum Konzepte nicht greifen.

    Ein moderner Journalismus muss dahin gehen, wo die LeserInnen sind. Einer, der drauf wartet, dass die LeserInnen kommen, wird in Zukunft wie “bestellt und nicht abgeholt” aussehen.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  21. vtaktuell schreibt:

    Naja, ich habe schon den Eindruck, dass ich ein ganz gutes Verständnis für die Wünsche der Leser habe. Ist ja auch eine Stärke des Lokaljournalismus, dass man unmittelbare Feedback bekommt. Die beiden Wüsnche Qualität und lokale Abdeckung sind das, was ich aus der Kommunikation mit den Lesern mitgenommen habe.

    Beste Grüße,

    vt

  22. Hardy Prothmann schreibt:

    Guten Tag!

    @vt Dann herzlichen Glückwunsch. Sie wissen also schon alles.

    Mit geht es so, dass ich ständig überrascht werde und eigentlich permanent dazulerne. Die Methode ist ganz einfach: Während die “Kollegen” immer beim BM, den Vorständen und anderen immerselben Leuten stehen, mische ich mich unters Volk und frage hier und da und bin oft vor einem Termin schon da und bleibe länger.
    Dabei erfahre ich Haltungen und Meinungen, die mir vorher unbekannt waren.

    Aber jeder hat natürlich seine eigene Methode.

    Schönen Sonntag
    Hardy Prothmann

  23. vtaktuell schreibt:

    Dass ich alles weiß, habe ich nie behauptet. Was ich hier dargestellt habe, ist, wie ich mehrfach geschildert habe, das Ergebnis aus Gesprächen mit Lesern. Natürlich sind das teilweise auch die “Fuhnktionäre” aus Politik, Kultur und Vereinen, aber eben auch “ganz normale” Leute, mit denen ich ins Gespräch komme. Auch ich lerne in diesen Gesprächen ständig dazu. Was ich hier geschildert habe, ist die Problemlage, wie sie sich als mein derzeitiger Eindruck aus diesen Gesprächen ergibt. Dieser Eindruck kann falsch sein, er kann sich auch mit der Zeit verändern, aber im Moment habe ich gute Gründe, zu diesen Schlüssen zu kommen.

    Ihre geschilderte “Methode” ist übrigens keine großartige neue Erkenntnis. So funktioniert Lokaljournalismus nun mal. Insofern haben wir vermutlich beide die gleiche Methode. Natürlich gibt es reichlich Negativbeispiele für Kollegen, die sich hemmungslos bei den scheinbar Mächtigen anbiedern und damit ihr Medium oder ihr Ressort unglaubwürdig machen, aber vielleicht mache ich dieses Problem demnächst mal zu einem eigenen Thema eines Blogbeitrags.

    Ebenfalls einen schönen Sonntag noch,

    vt

  24. Peter schreibt:

    „Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.“
    Antoine de Saint-Exupéry

    Und das weiß auch der Volker.

  25. Hardy Prothmann schreibt:

    Guten Tag!

    Hier ein wunderbares Beispiel einer verformten Haltung.
    Ein Journalist schreibt eine “Glosse” und zeigt damit wunderbar, was er von seinen Lesern hält: Alles Idioten.
    http://www.rnz.de/zusammen25/00_20100924183000_Wir_sind_alle_Gastro_Kritiker.php
    Wenn der Schreiber sich mal der Logik seiner Gedanken gewidmet hätte, hätte er feststellen müssen, dass er der “amüsante” Idiot ist.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  26. Peter schreibt:

    >>Ein Journalist schreibt eine „Glosse“ und zeigt damit wunderbar, was er von seinen Lesern hält: Alles Idioten.<<

    Hm – wo steht das so?
    Ich halte es eher für einen misslungenen Versuch, sich vom Internetpublikum abzugrenzen, so nach dem Motto: Dort ist alles nichts. Keine Verlässlichkeit, keine klare Aussage und kein Beistand (von uns, den wahren Spezialisten). Kauft uns, denn da wird Euch geholfen.

    Auf Onlineseiten geäußerte Kritik derart pauschal abzutun, ist natürlich Banane. Da gibt es genügend andere Beispiele.

    Alles in allem geht diese Glosse (???) natürlich in Richtung Verhöhnung. Anstatt schlichtweg mit qualitativer Leistung oder wenigstens Originalität zu überzeugen. Einer, die dem Leser hilft.

  27. Hardy Prothmann schreibt:

    Guten Tag!

    @peter
    Weil mir so gerade danach ist, eine kleine Textanalyse:

    Internet-Foren bieten eine ungeahnte Möglichkeit, den Gastronomen mal ordentlich die Leviten zu lesen.
    -Ok, Einstieg frontal gegen das “Internet” – wer schreibt die Texte hinter Foren? Leser.

    Früher musste man gedruckte Restaurantführer lesen und zwangsläufig neidisch werden.
    -”Man”, wer ist das? Leser

    Denn die Profi-Kritiker konnten sich die schönsten und vor allem gemeinsten Formulierungen einfallen lassen, um ihrem Unmut Luft zu machen.
    -Profi gegen wen?

    Der Normal-Gast musste sich beim Kellner beschweren, der den Protest auf dem Weg zur Küche wahrscheinlich schon wieder vergessen hatte oder sich dachte, warum soll ich armer Tropf dem Chef immerzu die schlechten Nachrichten überbringen.
    - Gegen “Normal-Gast”. Und gegen das Personal… “armer Tropf”. Leser

    Irgendwann wird er mich dafür hassen. Heute ist der Gast selbst in der Lage, den sachkundigen Restaurantkritiker zu geben.
    -Zu geben ist eine Herabsetzung gegenüber dem Profi.

    Das ist gelegentlich sogar amüsant.
    -Der Profi lacht auf Kosten des Lesers.

    Da lamentiert ein Gast, dass er dreimal in einem Restaurant scheiterte – jedes Mal war es ausgebucht. Das ist ärgerlich, aber vielleicht hätte es der Mann mit einer telefonischen Reservierung probieren sollen.
    -So ein Depp. Der Leser

    So machen es die anderen auch. Warum der Mann sich deshalb aber im Internet beklagt, muss man nicht verstehen.
    -Doppeldepp. Der Leser

    Hier kann man den Wirten endlich sagen, dass es so nichts werden kann mit der “Strahlkraft”, die sie erreichen wollen. Denn die Tagliatelle waren durchschnittlich und eines der Steaks, die medium bestellt waren, kam durchgebraten. Ein guter Grund, sich den Küchenchef literarisch zur Brust zu nehmen.
    -Literarisch zur Brust zu nehmen – Der Leser-Depp, der denkt, er könnte seine Meinung über verkochte Nudeln und verbratene Steaks äußern, ist der Oberdepp, wenn er denkt, dass er das Recht hat, was vor ihm nur die “Profis” hatten.

    Amüsant ist auch der Versuch, die Sprache der Gastro-Kritiker zu übernehmen, selbst wenn die Schreiber nicht immer mit den zutreffenden Begriffen hantieren.
    -Leser sind zu doof, das Geschwurbel der Profis zu kopieren.

    Mir persönlich hilft die spontane Kritik am Abend mehr und finde sie auch fairer, zumal ich dem Personal die Chance zur Entschuldigung gebe.
    -Da fragt sich der Profi, wieso er das eigenlich öffentlich machen sollte? Soll doch alles privat und souverän geklärt werden… So denkt nur ein Souverän, der andere für Deppen hält.

    Aber auch die kann daneben gehen, wie ein Küchenchef dieser Tage erzählte.
    - Da lass ich mich herab, erzähle aus dem Nähkästchen, werde privat und dann? Oh Gott, es gibt noch depperte Deppen als depperte Deppen.

    Ein Gast hatte Rumpsteak bestellt und bekommen. Es muss ein besonders schönes Stück Fleisch gewesen sein, denn der Mann beschwerte sich. Er lasse sich nicht für dumm verkaufen, er habe Filet statt Rumpsteak auf dem Teller gehabt. Deshalb hat er das Steak wohl auch nicht ganz aufgegessen. Alles klar.
    -Alles klar? Was ist hier klar? Dass der depperte Depp von Kommentator einen depperten Deppen-Kommentar geschrieben hat, der im depperten Internet anfängt, dass deppert ist, um im realen Leben zu enden, das noch depperter ist? Um depperterweise was als Depp zu deppern?

    Dieser Kommentar ist ein beispielhaftes Glanzstück über depperten Journalismus, der vollständig sinn- und verstandlos nur ein Ziel vor Augen hat: Ich produzier mich jetzt mal.

    Das “Ist” vieler Journalisten ist tragischerweise genauso deppert. Sie sind Produzenten ihrer selbst.

    Ist Ihnen was aufgefallen? Hinter diesem “Stück” steht keinerlei “Recherche”, außer der eigenen Stilisierung “Mir persönlich…”

    Dieser kleine Kommentar zeigt intensiv auf engstem Raum das gestörte Verhältnis eines selbstverliebten und überheblichen Wannabies gegenüber der Gesellschaft.

    Kein Mensch braucht diese Art von “Journalismus”.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

    P.S.
    Ich kenne den Verfasser dieser “Glosse” weder persönlich, noch gibt es sonstige Verbindungen.
    Der Text lief mir zufällig über den Weg, bestätigt aber mächtig viele Vorurteile und ist deswegen ein beispielhaftes Stück Bullshit.

  28. Peter schreibt:

    Nun, lieber Hardy, was auch immer, ganz so überinterpretiert muss es nicht sein.

    Natürlich gebe ich Dir im Kern Recht. Aber ich interpretiere das Motiv des Autors ein wenig anders, als Versuch, den *Internet-Leser* gegenüber dem Zeitungsleser abzuwerten. Dem Zeitungsleser das trügerische Gefühl zu vermitteln, dass er in der Zeitung bessere Qualität findet als online. Der typische im Netz herumstreunende User/Leser wird vom gewöhnlichen Zeitungsjournalisten gar nicht als Leser begriffen, gar nicht als potenzieller Leser entdeckt, sondern als nicht zahlender Konkurrent empfunden – also wird er abqualifiziert. Also wird ein scheinbarer Vorteil suggeriert, den der Zeitungsleser noch gegenüber dem Onlinemenschen hat. Schließlich zahlt er ja auch dafür.

    Das ist natürlich komplett kurzsichtig gedacht. Hier wird erst gar nicht die Chance wahrgenommen, neue Leser zu gewinnen – und natürlich steckt erst gar nicht das Verständnis dahinter, auch für die Online-Leser dazusein. Selbstverliebt würde ich es gar nicht nennen, aber überheblich. Niemand braucht dieses Gequatsche über Restaurantqualität aus dem Munde eines selbsterklärten Berufenen. Ein Blick in Qype oder diverse Foren schafft da oft schon mehr faktische Klarheit als in irgendwelches verquastes Gesabbel.

    Anbei noch was zur Aussage, dass hinter diesem Stück keinerlei Recherche stecke. Das ist für eine Glosse ja auch nicht unbedingt notwendig, hier genügt häufig schon der common sense. Wir wissen ja alle, was in einem Restaurant passiert, und dass Knödel vorwiegend rund sind und Schnitzel eben flach usw.
    Das Ding liegt eher zwischen verunglückter Glosse und Kommentar – wobei beide Darstellungsformen sich oft ja begegnen, die Grenzen fließend sind. Also das sollten wir dem Autor nicht ankreiden. Allerdings ist es IMO nicht mal annähernd auch ein Stück Unterhaltung.

    Wie gesagt – ich sehe hier nicht den Leser an und für sich als Idioten diffamiert, sondern den Internet-User als solchen im Versuch, ihn gegen den Zeitungsleser auszuspielen. Das macht es natürlich nicht besser – aber es entspricht ganz der Taktik vieler Zeitungshäuser, ihren Lesern einen vermeintlichen Vorteil vorzugaukeln. Anstatt natürlich nach den wahren Ursachen des Leserschwunds zu schauen und dagegen auch etwas zu unternehmen. Und das hieße dann: Herab vom “Olymp”, lebe den Servicegedanken vorbehaltlos und sei ein Anwalt für Deine Leser, lass sie mehr teilhaben an der Berichterstattung, beziehe sie mehr ein, nimm sie mit, denn genau das ist die Bestimmung eines Journalisen.

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  30. Hardy Prothmann schreibt:

    Guten Tag!

    @peter
    Das Problem ist: Der “Noch”-Zeitungsleser ist schon längst ein Internet-Leser. Und die, die das nicht sind, können mit dem Text auch nichts anfangen.

    Was die “Überinterpretation” angeht – ich habe das einfach runtergeschrieben – für ne noch tiefere Textanalyse ist mir die Zeit zu schade.

    Bei der Recherche widerspreche ich Dir: Jeder Text wird besser, wenn Recherche dahinter steckt und wenn diese dazu führt, dass manche Texte nicht erscheinen, ist das auch gut.

    Ein Kommentar oder eine Glosse, die irgendwas behaupten, was nicht zutrifft, sind nämlich wertlos. Wie Du richtig schreibst, gibt es genug Beispiele, bei denen User sich differenziert, pointiert und kenntnisreich zu allem möglichen auslassen.

    Hätte der Autor die durch Recherche gefunden, hätte er ein Problem mit seiner These gehabt. Also geht es dem Autor nur um seine These und nicht um einen Nutz- oder Erkenntniswert für den Leser – auch das ist eine verächtliche Haltung, die zudem auf schlechter Arbeit beruht.

    Deiner These zufolge will er den Zeitungsleser halten, meiner These zufolge mag das sein, aber er erreicht das Gegenteil, weil er eben alle verachtet.

    Beste Grüße
    Hardy Prothmann

  31. Peter schreibt:

    Naja, einer, der die einen verachtet, verachtet auch schnell die anderen. Da beißt die Maus keinen Faden…. usw.
    >>Der „Noch“-Zeitungsleser ist schon längst ein Internet-Leser. <>Also geht es dem Autor nur um seine These und nicht um einen Nutz- oder Erkenntniswert für den Leser <>Jeder Text wird besser, wenn Recherche dahinter steckt <<

  32. Peter schreibt:

    Uuups, irgendwie wurden meine Anmerkungen gefressen. Dann kurz gemacht: Ich wollte diesen beiden letzten hervorgehobenen Aussagen schlichtweg voll zustimmen!

    Zum ersten hätt ich anzumerken: Es gibt nur noch wenige Nur-Zeitungsleser. Die müssen wir pflegen. Und gleichzeitig neue gewinnen. Schon deshalb ist die Einstellung des Autors idiotisch.

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